Team und Selbstverständnis

Wir sind ein buntes Team aus mehreren Berufen, Generationen, Lebensformen – engagiert, streitbar und ziemlich häufig gut drauf.

Wir machen diese Arbeit, weil wir wissen, dass viele Frauen, die zu uns kommen, von hier aus den Schritt in ein eigenständiges Leben ohne Gewalt und Angst schaffen.

Ohne die qualifizierte Hilfe des Frauenhauses wären viele in ihrer zerstörerischen Beziehung verblieben, oder aus Angst und Mutlosigkeit wieder in den vermeintlichen Schutz des misshandelnden Mannes / Partners zurückgekehrt.

Auch für die Kinder bringt der Frauenhausaufenthalt Orientierung in der neuen Situation, Schutz und Trost, verlässliche Erwachsene, die verloren gegangenes Vertrauen wieder aufbauen. Die Frauen, die zu uns kommen, brauchen mehr als eine Übernachtungsstelle.

Der entscheidende Qualitätsunterschied wird durch die Tätigkeit unserer Mitarbeiterinnen bestimmt.

  • Wir hören zu.

  • Wir bieten Gelegenheit, das eigene Leid mitteilen zu dürfen und verstanden und geachtet zu werden

  • Wir betreuen die Kinder und helfen ihnen bei der Bewältigung der erlittenen Gewalt.

  • Wir sind im Krisenfall nachts oder am Wochenende einsatzbereit.

  • Wir entlasten die Frauen praktisch und organisatorisch.

  • Wir begleiten zu vielen anstehenden Behörden- und Gerichtsangelegenheiten.

  • Wir arbeiten mit Frauen zusammen in dem Tempo, das ihnen möglich ist, an einer neuen Perspektive.

  • Wir bauen bedarfsgerechte individuelle Hilfen auf und vernetzen uns mit andern Hilfsangeboten.

  • Wir betreiben Öffentlichkeitsarbeit, um das Thema Gewalt gegen Frauen als gesellschaftspolitische Aufgabe zu verankern, fachliche Informationen anzubieten, gesetzliche Verbesserungen zu schaffen und Vorurteile abzubauen.

     

Wir sind die Intensivstation.

 

Team Frauenhaus Warendorf - gezeichnetes Bild

Interview mit einer Mitarbeiterin

Wie lange arbeitest du schon im Frauenhaus?

Zweieinhalb Jahre.

 

Hattest du bereits vorher Erfahrungen in diesem Bereich?

Ich habe während des Studiums eine Zeit lang ehrenamtlich bei einem Frauennotruf gearbeitet und dort auch ein Praktikum gemacht.

 

Wie bist du darauf gekommen, im Frauenhaus zu arbeiten?

Da ich schon einmal in einem autonomen Frauenprojekt mitgearbeitet habe, musste ich sofort auf die Stellenanzeige aus Warendorf antworten. Ich hatte das Gefühl: Das ist, was ich suche!

 

Wie war es für dich als Berufseinsteigerin im Frauenhaus anzufangen?

Die Kolleginnen haben sich viel Zeit für die Einarbeitung genommen. Im Rückblick kann ich mir kaum erklären, wo sie die hergenommen haben. Das hatte ich auch schon ganz anders erlebt. Allerdings brauchte ich auch einige Zeit, um mich richtig einzuleben. Mittlerweile gehöre ich ganz normal dazu.

 

Warum bleibst du?

Jede vierte Frau wird – statistisch gesehen – im Laufe ihres Lebens Opfer von Gewalt durch einen Beziehungspartner.

In NRW gibt es aber gerade mal gut halb so viele Frauenhausplätze wie nötig wären. Hinzukommt, dass es keine einzelfallunabhängige Finanzierung gibt. Das heißt: Frauen, die keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben, wie Auszubildende oder Studentinnen, müssen für ihren Aufenthalt selbst aufkommen.

Für manche Frauen ein unüberwindbares Hindernis. Zu wenige Plätze, zu viele Hürden.

 

Was magst du an deiner Arbeit gern?

Ich kann mir keinen vielseitigeren Arbeitsplatz vorstellen. Neben meinen Kerntätigkeiten – der Beratung und Betreuung der zu uns geflüchteten Frauen – betreibe ich mit Kolleginnen aus anderen autonomen Frauenhäusern in NRW Öffentlichkeitsarbeit, hänge in der Küche Schranktüren wieder ein, schaue, dass die Computer und die Telefone laufen, hole die Post, arbeite mich in Abrechnung und Statistik ein, kümmere mich mit der Kollegin um die Neugestaltung der Internetseite, bastle am Layout für den Rückblick...

 

Was magst du gar nicht?

Diese „wichtigen Nebenbaustellen“ können teilweise viel Zeit und Energie erfordern, die dann für die Arbeit mit den Frauen wiederum fehlen. Manchmal würde ich viel lieber mit einer Frau um den Emssee spazieren gehen, damit sie die Gelegenheit bekommt, sich den Frust von der Seele zu reden oder auch ihre Freude über etwas zu teilen. Leider erfordern bürokratische Hindernisse oft einen immensen Energieaufwand, d.h. z. B.: Ich muss einen Krankenbehandlungsschein beim Sozialamt anfordern, damit eine geflüchtete Frau zur Ärztin gehen kann. Dort eventuell eine Überweisung holen und dann wieder zum Sozialamt, damit sie zur Fachärztin kann... Davor noch eine Dolmetscherin organisieren und deren Terminmöglichkeiten, sowie die der Frau, der Ärztin/nen und meine miteinander in Einklang bringen...

Da wäre eine Krankenkassenkarte für Flüchtlinge schon eine echte Arbeitserleichterung, um nur eins von vielen Beispielen zu nennen.

Auch finde ich es schwierig zu sehen, wie sehr es manchmal vom Zufall und persönlichem Engagement der zuständigen Mitarbeiter/innen der verschiedenen Institutionen abhängt, wie effektiv dem Schutz der Frauen und Kinder Rechnung getragen wird.

In vielen Köpfen ist Gewalt gegen Frauen immer noch Privatsache – wodurch ein gesellschaftliches Problem individualisiert wird und gewaltbetroffene Frauen oft noch weiter stigmatisiert werden.

 

Was ist deine beste Erinnerung?

Ich erinnere mich noch gut daran, als die erste Frau, mit der ich mehrere Monate zusammen gearbeitet hatte, meine Kollegin und mich nach ihrem Auszug durch ihre neue Wohnung führte. Auch ist es schön, unbeschwerte Momente mit den Frauen zu teilen, z.B. beim Schlittschuhlaufen oder beim gemeinsamen Basteln. Oder zu sehen, wie die Frauen sich untereinander helfen. Toll ist es auch, etwas gemeinsam im Team zu machen. Alle ziehen alte Klamotten an und entrümpeln gemeinsam den Dachboden. Sowas.

 

Was wärst du, wenn du nicht Frauenhausmitarbeiterin wärst?

Auf Tauchreise! – Auf Dornenkronenseestern-Jagd am Great Barrier Reef vielleicht...

 

Welche Erfahrung hättest du ohne das Frauenhaus nicht?

Ich habe bereits viel lernen können und das tue ich jeden Tag. Mir sagte eine Kollegin am Anfang, dass keine nur halbherzig feministische Projektfrau sein könne. Wenn ich einmal gesehen habe, wie sehr patriarchale Strukturen Frauen immer noch daran hindern, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, werde ich nie mehr darüber hinweg sehen können. – Recht hat sie.

 

Was fehlt dir in der Arbeit am meisten?

Zeit und Ruhe für schöne gemeinsame Aktionen mit einzelnen Frauen (und ihren Kindern), für kollegialen Austausch und zur Projektentwicklung.

 

Wie gehst du damit um, dich ständig mit Gewalt befassen zu müssen?

Ich mache schöne Dinge: Tauchen z.B.: Meeresbewohner beobachten und dabei nur auf die Atmung achten, Inliner fahren, spazieren gehen oder DVD kucken oder...

 

Was hat sich während deiner Zeit hier verändert?

Acht Kolleginnen müssen sich seit dem Umbau letztes Jahr nicht länger ein Büro und zwei Computer teilen. Eine hat sogar ihren lang ersehnten, eigenen Schreibtisch. Neben einem Beratungsbüro haben wir nun zwei weitere Sitzecken und einen großen Tisch für Besprechungen.

Teamsitzungen finden nicht mehr im Kinderraum statt. Wie haben meine Kolleginnen (und die Frauen und Kinder) das jahrzehntelang ausgehalten?

 

Hat das Frauenhaus dich verändert?

Auf jeden Fall!

 

Hast du einen Tipp für zukünftige Mitarbeiterinnen?

An Noch-Studentinnen: Macht ein Praktikum im Frauenhaus – ACHTUNG WERBESENDUNG! – Nee, im Ernst: Hier könnt ihr schnell eigene Ideen einbringen, Unternehmungen für Jungen und Mädchen planen oder Sprachunterricht für Frauen anbieten. Ansonsten und überhaupt: Theoretisches Wissen über häusliche Gewalt ist wichtig, Kenntnisse über Gruppendynamik und die Fähigkeit Beziehungen zu den Frauen und Kindern aufzubauen. Auch für mich am Anfang ganz schön viel, aber bei guter Einarbeitung und in einem guten Team... ;-)